Kongress "Design. Innovation. Europe. II": Gutes Design als Instrument für erfolgreichere Produkte der europäischen Wirtschaft

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Erstellt von Stefan Hartmann, 08.12.2015

Der Rat für Formgebung veranstaltete am 30. November 2015 den zweiten Kongress zum Thema „Design. Innovation. Europe.“ und nahm damit hauptsächlich die Kleinen und Mittelständischen Unternehmen (KMU) ins Visier. Doch auch Vertreter langjährig etablierter Big Player kamen zu Wort und lieferten aussagekräftige Einblicke zur Wichtigkeit von Design in Bezug auf den wirtschaftlichen Erfolg eines Unternehmens.

EU-weite Vernetzung unterstützt Innovation durch Design

Zu Beginn informierte Dr. Mark Nicklas (European Commission, BE) über die von der EU geschaffene Webseite Design for Europe, die den sog. Action Plan for Design-Driven Innovation begleitet. Die Plattform soll den länderübergreifenden Austausch ermöglichen, Best Practice-Beispiele vermitteln sowie Daten und Tools bereitstellen, um das Bewusstsein bzw. die Wege zur Integration von Design und Innovation in Unternehmen zu fördern.

Nationale Unterschiede beeinflussen Design-orientierte Innovationen

Dass gutes Design ganz klar einen Wettbewerbsvorteil bedeutet, wurde mehrfach thematisiert. Ich fühlte mich an Steve Jobs und die Apple-Philosophie erinnert, als Prof. Oliver Grabes (Procter & Gamble Service GmbH, BRAUN Design Studio Kronberg, DE) die 10 Gestaltungsprinzipien von Dieter Rams zeigte. Denn u.a. jene Anweisungen für „gutes Design“ verhalfen den Produkten der Marke BRAUN über Jahrzehnte hinweg zum Erfolg. Die Sprecher John Mathers (Design Council, UK) und Beatrice Villari (Politecnico di Milano, IT) etwa nutzten prägnante Zahlen und Bilder, um die wirtschaftliche Wertsteigerung durch Design zu untermauern.
Jedoch vollbringt die jeweilige Designpolitik verschiedener europäischer Länder unterschiedlich starke Auswirkungen. So ist z.B. Italien mit zahlreichen Veranstaltungen wie der „Design Week“ – 32 junge Designer entwickelten mehr als 65 Prototypen unterschiedlichster Art – dem Vereinigten Königreich deutlich voraus. Denn dort braucht es offenkundig mehr kreativen Nachwuchs und entsprechende Unterstützung durch die Politik, zudem müssen sich Designer in größerem Maßstab vernetzen können. Jeroen van Erp (Topteam Creatieve Industrie, NL) erbrachte Nachweise für den Erfolg, den die Niederlande errangen, nachdem die Kreativwirtschaft quasi als ein Sektor der Spitzenindustrie anerkannt und entsprechend gefördert wurde.

Ein Hilfsmittel zur Bewertung der Kapitalrendite von Design

Viele KMU gehen sehr zaghaft dabei vor, Design-orientierte Innovationen voranzutreiben. Grund dafür ist noch häufig eine Unsicherheit bei der Vorhersage und Planung entsprechender Projekte. Antti Pitkänen (S.E.O.S Design Oy, FI) vermittelte einen Ansatz, mit dem die kosteneffiziente Kraft von Design messbar gemacht werden kann und stellte das finnische Forschungsprojekt „Design ROI“ vor. In den Jahren 2011/ 2012 wurde dabei aufgrund von Interviews, Umfragen und Workshops mit diversen Stakeholdern ein Modell entwickelt, um den durch Design erreichbaren Nutzen möglichst konkret zu bestimmen.

Design muss ganzheitlich in den Innovationsprozess einfließen

Die verschiedenen Ebenen, auf denen gezielte Gestaltung ihre Wirkung entfalten kann, benannte Robin Edman (BEDA Bureau of European Design Associations, BE; SVID Swedish Industrial Design Foundation, SE). Von ihm wurden sowohl funktionale als auch emotionale und soziale Aspekte gegenübergestellt. Des Weiteren machte er darauf aufmerksam, dass Design nicht nur visuell und Anwender-orientiert gedacht werden, sondern auch iterativ sowie interdisziplinär stattfinden muss.
Anna Whicher (Design Wales/PDR - The National Centre for Product Design & Development Research, Cardiff Metropolitan University, UK)
belegte, wie gewinnbringend die fundierte Implementierung Design-basierter Strategien ist. Anhand eines Beispiels aus der Medizin klärte sie darüber auf, dass durch die gelungene Gestaltung von OP-Instrumenten wertvolle Minuten bei der Behandlungszeit pro Patient eingespart werden können. Dies wirkt nicht nur kostensparend und leistungssteigernd – als viel wichtiger sollte die Möglichkeit erachtet werden, dadurch mehr Leben zu retten.

Gesellschaft und Ökonomie können stärker von Design profitieren

Kann Design sogar als Grundlage für ein allgemein besseres Leben betrachtet werden? In puncto Nachhaltigkeit beantwortete Harald Gründl (Institute of Design Research Vienna, AU) diese Frage positiv. Dabei bezog er sich auf den CO2-Fußabdruck und verglich einen Kapselautomaten für Kaffee mit einem klassischen Espresso-Kocher, welcher wesentlich ressourcensparender das nahezu gleiche Ergebnis erzielt. Hierbei wurde deutlich, wie weitreichend sich Design in unterschiedlichsten Facetten des Lebens auswirken kann.
Sehr menschliche und emotionale Bereiche des Lebens wurden von Prof. Dr. P.P.M Paul Hekkert (TU Delft, NL) wahrhaft beleuchtet. Er berichtete von einer sanft animierten Beamer-Installation, welche in einem Seniorenheim auf einen Tisch projiziert wurde. Auf diese Weise sollte ein Versuch unternommen werden, die geistigen und körperlichen Aktivität von Alzheimer- und Demenz-Patienten zu steigern. Dieses Projekt fand im Rahmen des CRISP-Programms in den Niederlanden statt und setzte sich mit dem Gleichgewicht zwischen designorientiertem Denken und Handeln auseinander.

Ist der Mensch bald ein Design-getriebener Überlebenskünstler?

Bei dieser Fragestellung ging es nicht etwa um Bionik oder Implantate, sondern um viel naheliegendere Dinge wie die Gesundheits-App auf dem Smartphone. Einhergehend mit diesem andauernden digitalen Fortschritt referierte Kurt Ward (Philips Design, NL) über den Wandel der einstigen Industriegesellschaft über die Erlebnis- und Wissens- bis hin zu einer sog. Transformationsgesellschaft. Diese befähigt ihre Bevölkerung dazu, die Art wie sie ihr Leben gestaltet und sogar verlängert, weitgehend selbst in die Hand zu nehmen. Um dorthin zu gelangen, wo sich die Bedürfnisse eines wirtschaftlichen Systems sowie allen individuellen Bewohnern/ Nutzern usw. erfüllen, wurde die Methode des „Design Thinking“ als eines der geeigneten Werkzeuge genannt.

Zusammenfassend lässt sich Wert durch Werte erreichen

Einen lebhaften Eindruck des Erfolgs Design-orientierter Innovation gab abschließend Alexander C. Schmidt (Managing Director DACH, Dyson GmbH, UK/DE) und stellte einen Abriss der maßgeblichen Entwicklungen des Unternehmens Dyson dar. Hierbei wurde anhand mehrerer Beispiele sehr deutlich, wie Produkte des täglichen Lebens – mit Blick auf Umweltverträglichkeit und Benutzerfreundlichkeit – durch neue Ideen verbessert werden können.
Aus meiner eigenen beruflichen Design-Perspektive beurteilt, brachte der Kongress „Design. Innovation. Europe. II“ nur begrenzt neue Erkenntnisse. Jedoch wurde mir anhand innovativer Beispiele erneut bewusst, dass der gezielte Einsatz von Design in jeglichen Entwicklungsprozessen eine mächtige Wirkung erreichen kann. Sehr angetan war ich von der Tatsache, dass es zahlreiche vorbildhafte Initiativen im europäischen Raum gibt, welche dies überzeigend belegen.
Schlussendlich bleibt zu hoffen, dass das Vorhaben „Design For Europe“ dazu beitragen wird, die richtigen Stellschrauben in Bewegung zu bringen. Denn momentan mangelt es noch zu häufig am Bewusstsein und an der Implementierung von Design in diversen Wirtschaftsfeldern.

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